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Insekten

Das Biosphärenreservat "Niedersächsische Elbtalaue" liegt im Überlappungsbereich zweier biogeographischer Regionen, der atlantischen und der kontinentalen. Lebewesen aus West und Ost treffen hier aufeinander. Zudem beherbergt es zahlreiche natürliche und naturnahe Lebensräume: Von wenig gestörten Fließ- und Stillgewässern über artenreiches Feucht- und Nassgrünland, Magerrasen und Dünenbiotopen bis zu unterschiedlichsten, oft totholzreichen Wäldern. Darüber hinaus ist das langgestreckte Elbtal, von der Quelle im tschechischen Riesengebirge bis zu seiner Mündung in die Nordsee ein bedeutender Wander- und Ausbreitungskorridor für viele Tiere, insbesondere Insekten.

Aus diesen Gründen ist ihre Vielfalt groß. So wurden allein aus der Gruppe der Schmetterlinge (Tagfalter, Nachtfalter, Kleinschmetterlinge) bisher mehr als 1.000 Arten nachgewiesen. Viele der vorkommenden Insektengruppen sind bisher nur unzureichend untersucht, so z.B. die der Käfer, deren Artenzahl im Gebiet deutlich über 2.000 liegen dürfte. Zu weiteren, z. B. der sehr großen Gruppe der Zweiflügler (Fliegen und Mücken), gibt es bisher nur sporadische Daten. Ein zweitägiges Expertentreffen im Juni 2018 erbrachte Funde von 383 Arten, von denen 47 noch nie zuvor in Niedersachsen festgestellt worden und 4 sogar Erstnachweise für Deutschland waren.

Seltene und hochangepasste Heuschrecken findet man besonders auf offenen Sanddünen, auf Magerrasen und an blütenreichen Wegrändern. Beispiele hierfür sind die Blauflügelige Ödlandschrecke, die Westliche Beißschrecke und der Steppengrashüpfer. Auch seltene Wildbienenarten nutzen diese Standorte gerne als Nist- und Nahrungsbiotop, so etwa die Kleine Wollbiene, die Gelbe Düsterbiene, die Kleine Harzbiene oder die Sechsbindige Furchenbiene.

In den Feuchtlebensräume der Aue, den Altarmen, Bracks und Gräben entwickeln sich viele Libellenlarven, wie die der Grünen Mosaikjungfer, die an das Vorkommen der Krebsschere gebunden ist, oder die Südliche und die Glänzende Binsenjungfer, die an Flachgewässer mit schwankendem Wasserstand angepasst sind. Bemerkenswert sind auch die Vorkommen der ebenfalls wärmeliebenden Südlichen Mosaikjungfer sowie der Asiatischen Keiljungfer, die sich mit Vorliebe in den Buhnenfeldern aufhält.

In Resten von Hartholzauwäldern, in alten Eichenreihen und Solitärbäumen verbirgt sich eine besondere Rarität: der Eichenheldbock. Die Larven dieses stattlichen, bis zu fünf Zentimeter langen Bockkäfers leben unter der Rinde knorriger Eichenveteranen. Dort ernähren sie sich vom Splint- und später vom Kernholz und hinterlassen daumendicke Fraßgänge. Nach vier Jahren verpuppt sich die bis zu neun Zentimeter lange Larve. Der Jungkäfer schlüpft im Herbst, überwintert in der Puppenwiege und fliegt im Juni aus. In alten Eichen, wie etwa denen in der Elbholzallee bei Gartow, wurden zudem Hinweise auf das Vorkommen des Eremiten oder Juchtenkäfers gefunden, eines sehr versteckt lebenden, bis zu drei Zentimeter langen Mulmbewohners.

Für diese holzbewohnenden Großkäfer, die im Biosphärenreservat zu den wertgebenden Tierarten gemäß Anhang 2 der FFH-Richtlinie gehören, wurden umfangreiche Artenhilfsmaßnahmen durchgeführt. Dazu zählen die Erhaltung von Alteichen durch vertragliche Vereinbarungen oder Flächenerwerb, die Nachpflanzung von Eichenbeständen in relevanten Vorkommensgebieten und, im Falle des Heldbocks, auch die Freistellung und damit die Besonnung von Stämmen, in denen sich die Larven entwickeln.

In Folge des Klimawandels sind in den letzten Jahren verstärkt wärmebedürftige Insekten aus Süden oder Osten eingewandert. Dies gilt etwa für die Gestreifte Zartschrecke, die erstmals 1988 in Niedersachsen entdeckt wurde, oder die Gemeine Sichelschrecke, die hier erst vor wenigen Jahren Fuß gefasst hat, inzwischen in geeigneten Biotopen (wärmebegünstigte, hochwüchsige Halbtrockenrasen und Brachen) aber recht häufig auftritt. 2019 gelang im Biosphärenreservat der niedersächsische Erstnachweis der Heuschrecken-Sandwespe, einer beeindruckenden, fast 3 cm großen Grabwespenart, die ihren Nachwuchs mit großen Heuschreckenarten versorgt.



Distelfalter auf Feldmannstreu   Bildrechte: BRV/ B. Königstedt

Distelfalter auf Feldmannstreu

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